Nachbarschaft in Zeiten von Corona: Ein digitales Forum für Britz

Wie hat sich das Zusammenleben in unserem Stadtteil in den letzten 12 Monaten verändert? Wo haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie am meisten geschmerzt? Und welchen Umgang haben wir mit den Herausforderungen gefunden?

Ende März haben wir in unserem digitalen Nachbarschafts- forum darüber diskutiert.

1. Home-Schooling und Unterstützung bei den Hausaufgaben

Kurz vor den Osterferien wurden erste Schulen wieder geöffnet. Wie sind die Britzer Schüler:innen gestartet, nachdem sie lange Monate viel auf sich selbst gestellt waren?

Zusammen mit unseren Gästen Daniela von Hoerschelmann vom Elternausschuss (BEA) Schule Neukölln, Ines Dobat vom Schulpsycho-logischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) Neukölln, Nataša Kukrika von Südstadt e.V. in der Jugendberufsagentur und engagierten Nachbar:innen haben wir über die aktuellen Herausforderungen für die Schüler:innen und eben auch für die Eltern im Distanzunterricht in der Corona-Zeit gesprochen.

Die Lernbedingungen zu Hause sind auf Dauer nicht ausreichend, viele Kinder und Jugendliche bekommen keine ausreichende Unterstützung von ihren Eltern. Laut BEA Neukölln steigen die Schulabgängerquoten ab Klasse 9 – diese Jugendlichen haben damit nur den BBR (Berufsbildungsreife).

Bei vielen Kindern im Distanzunterricht fehlen die Motivation und Selbstständigkeit, um strukturiert zu lernen. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle vor allem in diesen Zeiten, um ihre Kinder zu belohnen, ihre Freizeit zusammen zu gestalten und darauf zu achten, dass die Kindern auch richtige Pausen machen. Die SIBUZ haben hilfreiche Informationen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht, die Eltern im Distanzunterricht helfen sollen.

Auch Lehrkräfte und Sozialarbeiter:innen spielen eine große Rolle dabei, die Schülerinnen und Schüler nicht allein zu lassen, zusammen neue Pläne zu entwickeln und die Kommunikation nicht aus den Augen zu verlieren. Die Schule ist nicht nur ein Ort um Wissen zu vermitteln, sondern auch, um soziale Kontakte und persönliche Eigenschaften zu entwickeln.

Der Bedarf nach mehr Engagement seitens unserer Nachbar:innen in Britz ist sehr groß, viele Schülerin und Schuler vor allem in den Oberschulen brauchen dringend Hilfe und Unterstützung in verschiedenen Fächern. Gleichzeitig brauchen die Ehrenamtlichen didaktische Strategien, um mit den Schüler:innen produktiv zu arbeiten. Das SIBUZ regt an, für alle Ehrenamtlichen in den Hausaufgabenprojekten einen Ehrenamtsstammtisch einzurichten, um sie besser zu begleiten und um den Austausch bei Problemen zu stärken.

Kinder, deren Eltern Sozialleistungen bekommen und die kein digitales Endgerät (Laptop, Tablet, Drucker etc.) von ihren Schulen erhalten haben, können rückwirkend zum 1. Januar 2021 einen Antrag beim Jobcenter stellen. Das Jobcenter wird in diesem Fall die Kosten übernehmen. Telekom und Vodafone bieten Education-Tarife für Schülerinnen und Schüler für max. 10 Euro im Monat. Seit 15. Dezember 2020 durften Schülerinnen und Schuler in den Willkommensklassen wieder am Präsenzunterricht teilnehmen, in einigen Schulen in Britz findet jedoch noch kein Präsenzunterricht statt. Hier kann das SIBUZ durch eine Härtefallregelung unterstützen.

2. Menschen in Neuköllner Pflegeeinrichtungen in der Corona-Zeit

Zusammen mit unseren Gästen Katharina Smaldino, der Beauftragten für Menschen mit Behinderung im Bezirksamt Neukölln, und Rike Lehrkamp vom Pflegestützpunkt Neukölln haben wir über die besondere Betroffenheit von älteren oder chronisch erkrankten Menschen gesprochen: Welche Auswirkungen hatten die Corona-bedingten Besuchsverbote in den Pflegeeinrichtungen auf Bewohner:innen und Angehörige?

Bewohner:innen haben darunter gelitten, dass der Kontakt zu Angehörigen eingeschränkt ist und Erkrankungen bzw. Alterserscheinungen wurden u.a. dadurch merklich verstärkt. Demenzerkrankte waren besonders betroffen, da ihnen die Pandemie-Situation nicht erklärt werden konnte.

Die schnelle Eröffnung von Testzentren im Bezirk war ein Erfolg. Mittlerweile sind die andauernden Einschränkungen schwieriger zu kommunizieren, die Menschen wollen ihr „altes Leben“ zurück und viele sind von andauernder Vereinsamung bedroht.

Aber es gibt auch Licht am Ende des Tunnels: Pflegeeinrichtungen, deren Bewohner:innen zu 80% geimpft sind, können wieder Gruppenangebote machen.

In der ambulanten Pflege (Tages-pflege, Senioren-WGs) sind die Impfungen angelaufen. Pflegedürftige Menschen können außerdem zwei Kontaktpersonen zur Impfung nominieren, die sie gegenwärtig versorgen. Die Pflegedienste geben die Information weiter. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatten von 600 Diensten bereits 450 Impfnominierungen gemeldet. Auch der Pflegestützpunkt vergibt Impfcodes für Angehörige.

Gut zu wissen:

Im Konflikt mit Pflegeeinrichtungen können sich Angehörige an die Verbraucherzentrale wenden, hier können die Unterbringungsverträge überprüft werden: PiN (Pflege in Not, T: 69 59 89 89). Alternativ können sich Angehörige an die Heimaufsicht wenden. Auch die Behindertenbeauftragte nimmt Beschwerden entgegen (ggf. anonym).

3. Lernen aus der Pandemie: Nachbarschaftshilfe und Engagement in Britz

Vielfach haben sich Britzer:innen im vergangenen Jahr auch gegenseitig geholfen, es wurden Nachbar:innen in Quarantäne versorgt und Kinder bei den Hausaufgaben unterstützt.

Deshalb wollen wir vom BENN-Nachbarschaftsbüro den Geist der Solidarität vor Ort auch in Zukunft wachhalten. Um auch Menschen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, die keine digitalen Geräte nutzen, haben wir eine Postkarte produziert. Sie soll jede Britzerin und jeden Britzer, der einen Stift halten kann, zum Teil des solidarischen Miteinanders machen.  Die Karte können Sie im Nachbarschaftsbüro mitnehmen. Auf der Rückseite können Sie ankreuzen: Was wollen Sie den Menschen in Ihrer Nachbarschaft geben? Was brauchen Sie an nachbarschaftlicher Unterstützung? Wir werden Sie dann mit anderen Menschen verknüpfen.

Mit der Bekanntmachung der Postkartenaktion endete das digitale Nachbarschaftsforum. Wir freuen uns auf Ihre Antworten und hoffen auf viel Solidarität in der Nachbarschaft!