„Migration in Neukölln lässt sich auch als Erfolgsgeschichte beschreiben“

Interview mit den Neuköllner Integrationsbeauftragten Jens Rockstedt

Herr Rockstedt, seit Juli 2018 sind Sie Neuköllns Integrationsbeauftragter und setzen sich für ein friedliches und möglichst spannungsfreies Zusammenleben der unterschiedlichen kulturellen und ethnischen Gruppen im Bezirk ein. Wie lief das erste Jahr für Sie?

Was mich wirklich überrascht hat, ist Neuköllns Vielfalt in allen Dingen. Dazu gehören die vielfältigen sozialen Problemlagen, aber genauso die Vielfalt an Trägern, Vereinen, Initiativen und Unterstützer/-innen, die sich diesen Herausforderungen annehmen. Sie alle tragen zu einem lebenswerten Neukölln bei. Es hat daher auch viel Zeit gebraucht, alle kennenzulernen. Jetzt ist es wichtig, diese vielen Akteure zu vernetzen und in Kontakt zu bringen.

Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf in Neukölln?

Die Themen Migration und Integration sind Querschnittsthemen. Jedes Fachamt im Neuköllner Bezirksamt bringt sich hier ein. Bedarf sehe ich vor allem in der Vernetzung verschiedener Stellen, auch um Doppelstrukturen abzubauen, in denen letztlich keiner mehr durchsieht.

Auch gilt es den bezirklichen Integrationsfond thematisch weiter zu entwickeln. Über diesen Fonds wurden in den letzten Jahren Projekte finanziert, die geflüchteten Menschen halfen, gut im Bezirk anzukommen. Damit kam es auch zu einer Öffnung bestehender Strukturen. Ohne diese Öffnung läuft die Integration ins Leere. Diese vom Senat gestellten Gelder bleiben auch im nächsten Jahr erhalten. Nun geht es darum, mit dem Fond auch wieder andere Zuwanderungsgruppen in den Blick zu nehmen. Die drängendsten Herausforderungen sind hier, angemessenen Wohnraum für alle Neuköllner/-innen zu finden und die Sprachkursangebote anzupassen. Hier geht es um Qualität statt Quantität.

Was wünschen Sie sich für Neukölln in der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wenn über Neukölln geredet und geschrieben wird, nicht immer nur über Clankriminalität und das zwielichtige Agieren einiger weniger Moscheevereine berichtet wird. Dem gegenüber stehen gerade in Neukölln zahlreiche gute Beispiele gelingender Integrationspraxis. Migration in Neukölln lässt sich auch als Erfolgsgeschichte beschreiben. Gerade in der Phase der Flüchtlingszuwanderung war das bürgerschaftliche Engagement vor allem migrantisch geprägt. Die Neuköllner Gesellschaft ist vielfältig, was das Ankommen für viele Zuwanderer/-innen erleichtert. Auch die Wohlfahrtsverbände und andere Träger öffneten sich in dieser Phase interkulturell und sind personell besser aufgestellt als in den Jahren zuvor.

Und wie steht es aus Ihrer Sicht in Britz?

Momentan können wir beobachten, wie sich Nord- und Südneukölln immer mehr angleichen. Die Kieze im Norden verändern sich in der Zusammensetzung der Bevölkerung gerade stark durch Gentrifizierungsprozesse und ein verändertes Umzugsverhalten. In Britz leben sehr engagierte Nachbarschaften, die auch in ihrem Engagement auf eine bewegte Geschichte zurückblicken können. Das nachbarschaftliche Engagement gegen rechte Gewalt ist hier hervorzuheben. Hier würde ich mir mehr Unterstützung und Aufklärung auch von Seiten der Berliner Behörden wünschen.