Flucht heute und gestern – ein Interview mit Herrn Etamadi

Flucht und Migration sind nichts Neues in Deutschland. Es gab immer wieder Zeiten und Phasen, in denen Menschen ihre Heimat verließen und ein neues Leben in Deutschland aufgebaut haben. Zu den Erfahrungen als ehemaliger Flüchtling in Deutschland haben wir Herrn Etamadi interviewt. Heute arbeitet er als Sozialbetreuer für die Stephanus-Stiftung in der Gemeinschaftsunterkunft Haarlemer Straße. Das Interview führte unsere BENN-Praktikantin Frau Virik, beide trafen sich in der Gemeinschaftsunterkunft.

Herr Etamadi, Sie sind vor vielen Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Was ist Ihre Geschichte?

In den 1980er Jahren hatte ich gehofft, schon bald in einem demokratischen Iran zu leben. Nach meinem Abitur hatte ich angefangen im Iran zu studieren. Gleichzeitig hatte ich begonnen, mich für Politik zu interessieren. An der Revolution im Iran habe ich selbstverständlich teilgenommen. Daher wollte mich die Regierung ins Gefängnis stecken und ich musste fliehen.

Ich bin durch viele Länder gereist, um Sicherheit zu finden. Nach drei Jahren gelang es mir, in die Türkei zu fliehen, aber da war ich auch nicht sicher. Die einzige Chance, die Türkei zu verlassen und in einem westlichen Land Sicherheit zu finden, war eine Visum zur Einreise in die damalige DDR. Über Ost-Berlin konnte ich nach West-Berlin ausreisen. Dort habe ich dort sofort Asyl beantragt. Damals war alles fremd: die Häuser, die Straßen, die Menschen.

Wann hatten Sie das Gefühl, in Deutschland “angekommen” zu sein?

Ich habe erstmal ein Jahr gebraucht, um die neue Atmosphäre in einem westlichen Land normal zu finden. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht die Unterstützung, die Flüchtlingen heute zu Gute kommt. Das was sehr schwierig. Um den Satz ‘Entschuldigen Sie’ zu lernen und aussprechen zu können, hat damals allein drei Monate gedauert. Aber ich musste mich an meine neue Heimat anpassen.

Nach den Deutschkursen und meiner Ausbildung habe ich 10 Jahre als Medizintechniker gearbeitet. Aber ich wollte mich noch weiterentwickeln. In den darauffolgenden Jahren habe ich mit Menschen gearbeitet, die an Alzheimer und Parkinson erkrankt sind. Seit 2015 nun arbeite ich als Sozialbetreuer für Flüchtlinge, seit diesem Jahr hier in der Gemeinschaftsunterkunft in der Haarlemer Straße. Meine Aufgabe ist, denjenigen Flüchtlingen zu helfen, die noch Schwierigkeiten beim Einleben in die deutsche Gesellschaft haben. Mit meiner Erfahrung kann ich eine Brücke bauen. Denn Heimat bedeutet nicht ein Stück Land, Heimat ist nicht begrenzt. Vielmehr bedeutet Heimat für mich, Verantwortung zu übernehmen.

Integration braucht Zeit. Und das bedeutet auch: wir müssen so schnell wie möglich den Integrationsprozess planen, Probleme analysieren und die geflüchteten Menschen begleiten. Und vor allem: Wir müssen miteinander reden!